Gedanken zum Nachtwind

Gleichsam in der Tradition, auf die Veröffentlichung eines Albums einige Singles folgen zu lassen, ist nun die erste Auskopplung eines Aufsatzes aus meiner Dissertation zu Nikolai Metners Klaviersonaten erschienen – und fällt, wie es der Zufall will, mit dem 141. Geburtstag des Komponisten zusammen. Bei Interesse darf, wer mag, gern an meiner Erörterung von Metners längster und formal rätselhaftester Klavierkomposition teilhaben, der epischen e-Moll-Sonate op. 25 Nr. 1, die durch das Gedicht Nachtwind von Fëdor Tjutčev inspiriert ist. Der Artikel ist im Open Access als Bestandteil der GMTH Proceedings erschienen, einer neuen Publikationsreihe der Gesellschaft für Musiktheorie, deren jüngste Ausgabe den Jahreskongress 2017 der GMTH an der Kunstuniversität Graz resümiert.

Gedanken zum Jahresende

Hier sind einige Überlegungen, wie eine berufsständische Organisation für Musiker_innen beschaffen sein sollte. Soweit ich sehe, existiert kein Berufsverband, der alle diese Eigenschaften aufweist, aber möglicherweise irre ich mich. Ergänzungen und weiterführende Gedanken sind sehr erwünscht!

  • Der Verband sollte in erster Linie freischaffende Musizierende und Musikunterrichtende repräsentieren und in deren Interesse agieren, indem er sie durch Networking und Lobbying unterstützt, ihre wirtschaftliche Situation genau kennt und politische Initiativen zur Etablierung einer festen Honorarordnung anstößt.
  • Er sollte in einen Dialog auf Augenhöhe mit Bundes- und Landespolitikern eintreten und in permanentem Austausch mit Vertretern der Musik- und Medienindustrie, des Verlagswesens, der Verwertungsgesellschaften, der Gewerkschaften und der Künstlersozialkasse stehen.
  • Er sollte über das Musikgeschäft hinaus denken und mit anderen Freiberuflerverbänden und Organisationen aus benachbarten Bereichen der Kreativbranche zusammenarbeiten.
  • Seine Organe und Vorstandsmitglieder sollten dauerhaft in der Öffentlichkeit stehen und in allen relevanten Medien (Print, TV und Radio, Internet) präsent sein. Die Außendarstellung des Verbands ist von großer Bedeutung und sollte einer professionellen Pressestelle anvertraut werden.
  • Er sollte eine eigene Zeitschrift oder Verbandsjournal herausgeben, das sich den wichtigsten Themen der Mitgliederschaft widmet und unabhängig von anderen Medien oder Periodika erscheint.
  • Er sollte den Mitgliedern kostenlose Rechtsberatung sowie Sonderkonditionen bei Versicherungen (Haftpflicht, Unfall, Berufsunfähigkeit) anbieten.
  • Er sollte die Organisation von Konzerten und anderen öffentlichen Veranstaltungen von der Zustimmung der Mitglieder abhängig machen und solche Aktivitäten regelmäßig evaluieren und legitimieren lassen.
  • Er sollte die Mitglieder ermutigen, sich an verbandsinternen Diskussionen zu Fachthemen zu beteiligen, ihre Ideen öffentlich zu präsentieren und für spezielle Themen Arbeitsgruppen zu bilden, die dem Vorstand regelmäßig Bericht erstatten.
  • Er sollte an Musikhochschulen und Universitäten gezielt neue Mitglieder akquirieren sowie ein Nachwuchsförderprogramm und ein Prämiensystem zur Mitgliederwerbung erarbeiten.
  • Er sollte eine professionelle und von Vollzeitkräften versehene Geschäftsführung unterhalten, die für die gesamte Buchhaltung und die Mitgliederverwaltung zuständig ist. Die Haushaltsplanung und alle Finanztransaktionen sollten gegenüber allen Mitgliedern transparent gemacht werden.
  • Er sollte die Amtszeit der Vorstandsmitglieder auf 2–3 Jahre begrenzen und eine Stimmrechtsübertragung für Wahlen gestatten. Zweimal im Jahr sollte eine Online-Mitgliederversammlung stattfinden, um größtmögliche Partizipation an allen maßgeblichen Entscheidungen des Verbands zu ermöglichen.
  • Er sollte gestaffelte Mitgliedsbeiträge anbieten, die einen Anteil von 1 % des Nettojahreseinkommens des jeweiligen Mitglieds nicht überschreiten.

Offener Brief an die nmz

Die neue musikzeitung enthält als letzten Teil regelmäßig die Verbandsnachrichten des Deutschen Tonkünstlerverbands. Meine Kollegin Anne Uerlichs und ich haben vor Kurzem einen offenen Brief an die Chefredaktion verfasst, der die bestürzende Qualität vieler Artikel im DTKV-Teil der Zeitung zum Thema hat. In der aktuellen Ausgabe gibt es eine Kolumne der ehemaligen Vorsitzenden des DTKV Berlin, in der sie einige Verbandsmitglieder verdeckt angreift, und eine Selbstrezension der Steglitzer Tage für Alte Musik durch deren Leiterin, deren Zeilen von Eigenlob geradezu triefen. Dies sind nur zwei Beispiele für eklatante Verstöße gegen die redaktionellen Leitlinien der nmz. Wir plädieren für die Einrichtung einer länderübergreifenden Stelle, um eine Qualitätssicherung der von den DTKV-Landesverbänden verantworteten Beiträge zu erreichen. Der vollständige Brief ist hier verfügbar.

Dreiklangstransformationen

Ich habe ein kurzes Analysevideo zu dem Miserere aus Carlo Gesualdos Responsorien zum Karsamstag erstellt. In den Akkordfortschreitungen zu Beginn wird die modale Harmonik durch chromatisierte Stimmführung angereichert; die entstehenden Klangfolgen können als Transformationen im Sinne der Neo-Riemannian Theory aufgefasst und in einem Eulerschen Tonnetz visualisiert werden. Das Beispiel ist simpel, aber dennoch faszinierend, und eignet sich gut für einen Einstieg in die Analyse mit Hilfe harmonischer Transformationen.

Für diejenigen von euch, die sich für meine Kompositionen interessieren, stehen einige neue Aufnahmen auf SoundCloud bereit: ein Volkslied-Duett aus meinem Lyrischen Diptychon für zwei Singstimmen und Klavier, und zwei Ausschnitte aus der Duo-Suite Am Waldesrand für Gitarre und Marimbaphon.

 

Konflikt im DTKV Berlin setzt sich fort

Die derzeitige Führung des DTKV Berlin ist bisher nicht von dem unbegründeten und formal unwirksamen Beschluss, mich aus dem Verband auszuschließen, abgerückt. Nachdem eine von mehreren Mitgliedern angeregte Mediation und zwei außergerichtliche Vergleichsangebote verweigert wurden, habe ich gegen den Ausschluss geklagt, so dass sich die Verbandsführung für ihr Vorgehen vor Gericht wird verantworten müssen.

Derweil liegen die Aktivitäten des Verbands fast vollständig brach: Es gibt weder eine politische Positionierung zur derzeitigen Situation noch eine Stellungnahme zu den Infektionsschutzmaßnahmen; die Unterstützung der freiberuflichen Mitglieder beschränkt sich auf rudimentäre Hinweise zu Hilfsangeboten; die im Mitgliedsbeitrag enthaltene Rechtsberatung steht nicht zur Verfügung; und vom Vorstand gehen weder nach innen noch nach außen nennenswerte Initiativen im Interesse der Mitgliederschaft aus. Zudem ist in diesem Jahr keine turnusmäßige Mitgliederversammlung abgehalten worden, obwohl im Herbst 2019 weder der Vorstand vollständig gewählt wurde noch Kassenprüfer_innen und Delegierte des Verbands bestimmt wurden. Offenbar belasten die rechtlichen Auseinandersetzungen, die sämtlich vermeidbar gewesen wären, nicht nur die Finanzen des DTKV Berlin, sondern lähmen auch weitgehend die verbandsinterne und berufsständische Arbeit – obwohl eine stabile Interessenvertretung für Musiker_innen gerade in diesen Monaten so wichtig wäre. Ein Armutszeugnis für Detlef Bensmann, Anka Sommer und Isabelle Herold.